Luna Noir Fall 2 Dean

Veröffentlicht am 8. Juli 2026 um 11:05

Julian blieb mit Peter neben einem Kleiderständer stehen, den jemand nahe an die vordere Tür geschoben hatte, und beobachtete Detective Sunshine, der sich vor Candy Carnage aufgebaut hatte. Der Schattenmann war nicht klein, aber Candy überragte ihn noch mal um fast einen Kopf, sodass es albern anmutete, als der Detective sagte: „Wenn Sie uns nicht sofort Ihren richtigen Namen nennen, verhafte ich Sie wegen Irreführung der Behörden!“

Candy plusterte sich noch ein bisschen mehr auf. „Ist das Ihre Art der Zeugenbefragung? Wenn die nicht so wollen wie Sie, dann bedrohen und schüchtern Sie sie ein, ja? Wenn mich nicht alles täuscht, ist das nicht legal, Detective Sunshine. Außerdem wird es die Staatsanwaltschaft nicht sonderlich erfreuen, wenn Zeugen von den ermittelnden Beamten unter Druck gesetzt wurden, um an die Aussagen zu kommen, denn sie sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Und das könnte wiederum dazu führen, dass ein Mörder straffrei davonkommt, weil der Prozess wegen Verfahrensfehler eingestellt werden muss. Also, versuchen wir es noch mal, ja?”, säuselte Candy, genauso verführerisch, wie sie Lady Marmalade auf der Bühne zum Besten gab, ihr Blick hingegen war mörderisch.

Julian musste sich ein Glucksen verkneifen.

Detective Sunshine vollführte eine Geste, als hätte er Candy am liebsten erwürgt, beherrschte sich dann aber und ließ die Hände wieder sinken. „Ihre Zeugenaussage ist ohne Ihren richtigen Namen aber auch nichts wert. Sie müssen uns den sagen und ihn auch vor Gericht angeben, sofern es zu einem Prozess kommt. Ansonsten können wir nichts von dem verwenden, was Sie aussagen – und dann käme ein Mörder straffrei davon!“

Candy verschränkte die Arme vor der Brust. „Candy Carnage ist mein Künstlername. Wenn er Ihnen nicht reicht, ist das Ihr Problem. Oder glauben Sie, ich erzähle jedem Dahergelaufenen meinen Namen? Ganz sicher nicht. Davon mal abgesehen, haben Sie sich mir gegenüber nicht mal ausgewiesen. Ich muss also gar nichts.”

Der fröhliche Sonnenschein verkroch sich hinter einer finsteren Wolke, aber wieder gelang es ihm, die Fassung zu wahren. „Okay. Versuchen wir es anders. Was haben Sie denn gesehen?“

„Hm … ah ja, genau, ich bin nach meinem Auftritt auf dem Weg zur Bar gewesen, weil ich so einen trockenen Hals hatte. Auf der Bühne ist es immer schrecklich heiß, müssen Sie wissen“, erklärte Candy dem Detective, der hoffnungsfroh sein Notizbuch gezückt hatte, mit ausschweifenden Gesten. „In dem Laden hier, dem Luna Noir, ist es ja ohnehin warm, aber gar kein Vergleich zu den Temperaturen, die da oben herrschen. Man könnte glatt meinen, in der Wüste Gobi zu stehen. Die befindet sich in Zentralasien“, belehrte sie den Sonnenschein und machte eine Handbewegung, als wollte sie ihm auf die Nasenspitze tippen, überlegte es sich im letzten Moment aber noch einmal anders.

Er starrte sie entgeistert an, während Julian Mühe hatte, nicht laut zu lachen.

„Das kommt natürlich von den vielen Scheinwerfern“, fuhr Candy fort. „Na ja, und dieser geile Fummel hier hat auch keine eingebaute Klimaanlage. Was soll man da machen? Mal abgesehen davon, ist Lady Marmalade eine riesige Herausforderung für die Stimmbänder, die man anschließend sehr gründlich befeuchten sollte. Ich stelle also in meiner Garderobe fest, dass ich nicht einen Tropfen Eau de Minéral mehr habe, und mache mich auf den Weg zur Bar, um meine arme Kehle zu besänftigen. Natürlich laufe ich erst mal in die blöde Kuh Tracy Trance rein. Ich sage Ihnen, wenn man nicht aufpasst, labert die Ihnen an jede Backe ‘nen Knopf. Eine impertinente Person. So anstrengend!“ Sie breitete theatralisch die Arme aus.

„Sie fing dann auch gleich mit der alten Leier an, dass sie es verdient hätte, ihre eigene Garderobe zu bekommen, da sie fest im Programm ist. Aber sie ist und bleibt ein Kleinkunst-Act. Sie macht Kabarett, wissen Sie? Freitags zwischen Hula-Hoop und Burlesque, samstags zwischen Artistik und Feuershow. Da kriegt man keine eigene Garderobe. Zumal sie die ohnehin nur will, um da eine Nummer schieben zu können. Mit jemandem, der sehr verzweifelt ist und es ganz dringend nötig hat. Ich meine, haben Sie sich die mal angesehen? Wenn Sie die nageln, müssen Sie aufpassen, dass Sie sich keinen Splitter einfangen, bei dem dürren Brett. Und reden kann die! Manchmal glaube ich, Tracy holt mit dem Arsch Luft und plappert dann ohne Punkt und Komma.“

Ach was, dachte Julian.

„Ich habe schließlich einen Schwächeanfall vorgetäuscht, um wieder von ihr loszukommen. Ich verlasse die Katakomben und sehe die Tür von der Herrentoilette weit aufstehen. Das hat mich gewundert, denn die ist sonst nie offen. Ich habe also reingeschaut und gerufen, aber es kam keine Antwort, deswegen bin ich dann ganz rein. Und … und … und da lag der arme Wurm im Klo, alles voller Blut, bis unter die Decke, das reinste Massaker.“ Ihre Stimme zitterte, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. „Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, deshalb habe ich geschrien. Aus Leibeskräften, trotz meiner geschundenen Kehle. Tja, dann kamen die anderen, und das war‘s.”

Detective Sunshine erwachte aus der Starre, in die er während der langen Rede verfallen war, wobei sein Gesichtsausdruck immer verzweifelter geworden war. „Kannten Sie den Mann?“

„Nö.“

„Haben Sie gesehen, wer geschossen hat? War noch irgendwer in dem Gang?“

„Nö.“

Der Detective schnaufte wie eine Dampflok, die gleich den Bahnhof verlassen wollte. „Wieso“, fragte er mühsam, „hieß es dann, Sie hätten etwas gesehen?“

„Woher soll ich das wissen? Ich habe die arme Wurst nur im Klo gefunden”, antwortete Candy achselzuckend.

 

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